Kims Real Life Update: Haus/Düsseldorf/Rückkehr
Ich wollte nie nach Berlin. Wirklich nicht. Das stand bei mir lange auf der inneren Liste unter „absolut indiskutabel“. Und wenn du mich früher gefragt hättest, hätte ich dir wahrscheinlich mit der Selbstverständlichkeit von jemandem geantwortet, der glaubt, er hätte das Leben durchgespielt: „Berlin? Nein danke.“
Und dann kam dieses Haus.
Nachfolgend kannst Du dir Folge anhören. Darunter geht der Beitrag zum lesen weiter.
Wie wir mit null in ein neues Leben gestartet sind
Wir haben wirklich alles verkauft. Alles. Weil wir dachten: Wenn wir schon ein Haus beziehen, dann richtig. Keine gebrauchten Möbel, kein „ach, das geht noch“. Sondern neu, hochwertig, schön. Wenn man sein Leben dort für die nächsten Jahrzehnte sieht, plant man anders. Dann denkt man in Maßanfertigungen, in Details, in „wir machen das jetzt einmal richtig“.
Und ja – ich weiß, das klingt nach Luxusproblemen. Aber es geht nicht um Luxus. Es geht um das, was passiert, wenn du dich auf etwas verlässt… und die Realität sich dann als etwas ganz anderes entpuppt.
Die erste Nacht: Ich dachte, der Krieg bricht aus
Wir wussten, dass das Haus irgendwo in der Nähe einer Flugschneise liegt. Also haben wir – völlig berechtigt – nachgefragt. Und uns wurde sinngemäß gesagt: „Ach, gar kein Problem. Das Haus ist so gut isoliert, da hören Sie nachts nichts.“
Die erste Nacht war… ein Schock. Ich glaube, es war so gegen 2:30 Uhr. Ich wurde wach und dachte ernsthaft, dass Düsenjets direkt über uns fliegen. Und ja: Sie flogen über uns. Nachts. Weil diese Route für Nachtfracht freigegeben war.
Und da habe ich zum ersten Mal richtig verstanden, wie schlecht dieses Haus isoliert ist. Flachdach, Glas, Vibrationen – du merkst nicht nur den Lärm. Du spürst ihn im Körper.
Es war nicht „ein bisschen laut“. Es war Nervensystem-Alarm.
Unfertig ist eine Sache. Unbewohnbar ist eine andere.
Am Anfang war vieles „einfach nicht fertig“: keine richtige Küche, keine Klinken, Dinge, die versprochen waren (Sauna, Kamin), aber nicht da waren. Und ja – das wäre irgendwie zäh, aber vielleicht noch auszuhalten, wenn du wenigstens das Gefühl hast: Okay. Es wird besser. Wir haben einen Plan. Es gibt eine Timeline.
Aber das Zermürbende ist dieses dauerhafte „Du weißt nicht, wann hier wieder Menschen im Garten stehen“. Bei einem gläsernen Haus bedeutet das: Du weißt morgens nicht mal, ob du entspannt in deinen Wohnbereich gehen kannst, oder ob du wieder beobachtet wirst, während irgendjemand draußen arbeitet.
Es ist dieses unterschwellige „Ich bin nie wirklich privat“. Und unterschwelliger Stress ist das, was dich auf Dauer kaputt macht, nicht der große Knall.
Dann kam der Supergau: Motten. Überall.
Und dann… kam etwas, womit ich wirklich nicht gerechnet hatte: Lebensmittelmotten. Im ganzen Haus.
Ich weiß noch, wie ich mich gefühlt habe: wie eine Besessene auf Jagd. Ich konnte nicht mehr schlafen, weil ich dachte, diese Viecher landen nachts auf mir. Ich habe Fabian herumgeschickt, um sie zu töten, und wir haben alles durchsucht: Kartons, Spielsachen, Bücher, jede Ritze, jede Fuge. Ein ganzer Tag nur „Quelle finden“.
Der Kammerjäger hat das Haus abgesucht und meinte sinngemäß: „Ihr seid nicht die Quelle. Das kommt von draußen.“
Und da war in mir dieser Moment, in dem alles still wird und du weißt: Das hier ist nicht mehr „unpraktisch“. Das ist nicht mehr „anstrengend“. Das ist nicht sicher.
Weil wenn die Quelle draußen ist – ums ganze Haus herum – dann kannst du lüften vergessen. Und lüften ist nicht optional. Spätestens im Sommer. Spätestens, wenn du ein Kind hast. Spätestens, wenn du nicht 24/7 wie ein Wachhund in deinem eigenen Zuhause leben willst.
Und dann ist da noch etwas: Wenn ein Haus vibriert, weil es schlecht gebaut oder schlecht isoliert ist, stellst du dir irgendwann Fragen, die du niemals stellen willst. Fragen wie: „Was, wenn da mal etwas runterkommt? Was, wenn das nicht nur nervt, sondern gefährlich ist?“
Was solche Situationen mit dir machen (ohne dass du es merkst)
Ich spreche so oft über Nervensystem, Grenzen, innere Ruhe – aber es gibt Situationen, da lernst du es nicht aus Büchern. Du lernst es, weil dein Körper irgendwann sagt: „Nein.“
Und das ist die Sache: Du kannst dich lange „zusammenreißen“. Du kannst lange rationalisieren. Du kannst lange sagen: „Wir schaffen das schon.“ Aber wenn dein Alltag aus unterschwelligem Alarm besteht, dann wirst du irgendwann gereizt, müde, dünnhäutig – und du glaubst, du bist das Problem.
Nein. Du bist nicht das Problem. Dein System reagiert nur auf einen Zustand, der nicht gesund ist.
Die 5 Zeichen, dass du schon zu lange „durchziehst“
- Du schläfst, aber du erholst dich nicht.
- Du bist ständig „auf Habacht“, auch wenn eigentlich nichts passiert.
- Du wirst schneller wütend oder schneller traurig.
- Du hast das Gefühl, du müsstest dich ständig erklären.
- Du verlierst das Vertrauen in dein eigenes Gefühl.
Und genau da kommen Grenzen ins Spiel – nicht als „hart sein“. Sondern als Selbstschutz.
Grenzen sind nicht das Ende von Liebe. Grenzen sind der Anfang von Sicherheit.
Und dann plötzlich: Berlin.
Wir sind damals auch nach Berlin gefahren – geschäftlich, mit einem klaren Anlass. Und ich weiß noch, wie absurd sich das angefühlt hat: Da brennt zu Hause gefühlt die Hütte, aber du fährst irgendwo hin, funktionierst, sprichst über Business… und trotzdem passiert etwas.
Ich hatte diesen inneren Shift: Vielleicht ist Berlin doch nicht „das Problem“. Vielleicht ist es sogar ein Teil der Lösung.
Weil Berlin – bei aller Chaos-Energie – hat etwas, das ich sehr unterschätzt habe: Es lässt dich atmen. Es ist weniger eng im Kopf. Weniger Code. Weniger „so macht man das hier“. Und das ist für manche Menschen genau das, was das Nervensystem braucht.
Und das Spannende: Fabian empfindet das ähnlich. Und wenn mein Mann etwas ähnlich empfindet, dann weiß ich: Das ist nicht nur meine subjektive Laune. Dann ist das eine echte Beobachtung.
Dann waren wir wieder in NRW – und ich habe es körperlich gespürt
Ich war wieder im Rheinland, in NRW, und ich hatte nach kurzer Zeit Kopfschmerzen. Und ich meine das nicht dramatisch. Ich meine das ganz nüchtern: Ich habe es körperlich gespürt.
Das Ding ist: Ich kannte das früher. Ich war früher vermutlich selbst genauso anstrengend. Vielleicht sogar Teil dieses Codes. Dieses „gediegen“, dieses „elitärer Schick“, dieses „wir wissen, wie man sich hier verhält“. Und ja – das ist nicht grundsätzlich schlecht. Es ist nur… anstrengend, wenn du da nicht mehr reinpasst.
Ich saß da, habe Menschen beobachtet – vor allem Frauen – und ich hatte diesen Gedanken: „Warum wirken hier so viele so angestrengt in ihrer Rolle?“ Dieses Perfekt-Sein, dieses Angepasst-Sein, dieses „bloß nicht auffallen“.
Und ich merkte: Ich entspreche dem Code nicht mehr. Ich wurde angestarrt. Ich war „zu laut“, vielleicht vom Look, vielleicht von der Energie. Früher hätte ich das gefeiert. Heute hat es mich einfach nur irritiert.
Und dann dachte ich etwas, das ich vor ein paar Jahren niemals gedacht hätte: Berlin fühlt sich entspannter an.
Was ich daraus mitnehme (und was du vielleicht für dich mitnehmen kannst)
Diese ganze Geschichte – Haus, Lärm, Motten, Stress, Umdenken – hat mir etwas sehr Klareres gezeigt als jeder Ratgeber:
1) Dein Zuhause ist kein Projekt. Es ist dein Nervensystem in Wänden.
Wenn dein Zuhause unsicher ist, kann dein Körper nicht runterfahren. Und wenn dein Körper nicht runterfährt, kannst du noch so viel meditieren – du kommst nicht in echte Ruhe.
2) „Aushalten“ ist keine Tugend, wenn es dich krank macht.
Manchmal ist die stärkste Entscheidung nicht „durchziehen“, sondern gehen.
3) Du darfst dich neu definieren.
Nur weil du früher irgendwo reingepasst hast, musst du es heute nicht mehr. Wachstum heißt manchmal: Der alte Code passt nicht mehr.
4) Grenzen sind ein Liebesbeweis – dir selbst gegenüber.
Wenn du dich selbst schützt, wirst du nicht härter. Du wirst klarer. Und Klarheit ist Frieden.
Mini-Übung: Wenn du gerade merkst, dass dein System „zu viel“ sagt
Nimm dir 2 Minuten und beantworte diese drei Sätze schriftlich:
- Was genau fühlt sich gerade in meinem Alltag unsicher an?
- Was wäre eine Grenze, die mein System sofort entlasten würde?
- Was hält mich zurück – und ist das heute wirklich noch wahr?
Es geht nicht darum, sofort alles zu lösen. Es geht darum, wieder zu spüren: Ich bin nicht ausgeliefert. Ich habe Optionen.
Wenn du dich in dieser „Real Life“-Ehrlichkeit wiederfindest: Schreib mir gerne, was gerade dein Thema ist. Was ist dein „Glashaus-Moment“? Wo merkst du: „Eigentlich ist hier längst eine Grenze fällig“?
Alles Liebe
Kim
